KI IN DER PRAXIS 28. September 2026 7 MIN. LESEZEIT
Mandantenakte in ChatGPT hochladen: 2 Pflichten, die bleiben
Was Berufsorganisationen in Europa und den USA zum Hochladen von Akten in KI-Werkzeuge sagen und welche zwei Pflichten nach dem Hochladen fortbestehen.
Regulierer und Anwaltsorganisationen in Europa und den USA haben sich mit dieser Frage bereits befasst. Verschwiegenheit und Verantwortung für das Ergebnis bestehen nach dem Hochladen fort, und ein allgemeiner KI-Assistent zeigt selten, von welcher Seite der Akte eine Antwort stammt.
Regulierer haben genau diese Situation bereits beschrieben, und keiner beantwortet sie mit einem schlichten Ja oder Nein. Die Solicitors Regulation Authority, die Aufsicht über die Solicitors in England und Wales, nennt in ihrem Risk Outlook zur künstlichen Intelligenz (20. November 2023) als besondere Gefahr für die Vertraulichkeit den Fall, dass „ein Mitarbeiter ein Online-KI-Werkzeug wie ChatGPT nutzt, um eine Frage zum Fall eines Mandanten zu beantworten“ („a staff member using an online AI, such as ChatGPT, to answer a question on a client's case“). Anwaltsorganisationen in anderen Ländern sind auf eigenen Wegen zum selben Ergebnis gekommen. In unterschiedlichen Worten beschreiben sie zwei Pflichten, die nach dem Hochladen fortbestehen: die Verschwiegenheit und die Verantwortung für das, was das Werkzeug liefert.
Dieselben zwei Pflichten in unterschiedlichen Regelwerken
Jeder Anwaltsberuf kennt eine Pflicht zur Vertraulichkeit oder Verschwiegenheit, und überall ist der Anwalt für sein Arbeitsergebnis verantwortlich. Für die Verschwiegenheit sind das in Deutschland vor allem § 43a Abs. 2 BRAO und § 2 BORA. Wortlaut, Ausnahmen und Folgen unterscheiden sich von Land zu Land, die Positionen liegen aber nah beieinander. Drei Beispiele:
- Vereinigte Staaten (ABA Formal Opinion 512, 29. Juli 2024). Nach Model Rule 1.6 (der Musterregel zur Vertraulichkeit) braucht der Anwalt die informierte Einwilligung des Mandanten, bevor er mandatsbezogene Informationen in ein „selbstlernendes“ Werkzeug eingibt, das sie offenlegen könnte. „Allgemeine Standardklauseln in der Mandatsvereinbarung“ („merely adding general, boiler-plate provisions to engagement letters“) reichen dafür nicht. Maßgeblich sind in der Praxis die Regeln und Stellungnahmen der einzelnen Bundesstaaten, und die unterscheiden sich.
- England und Wales (SRA Risk Outlook, 20. November 2023). Kanzleien „müssen sicherstellen, dass ihr KI-Einsatz die Vertraulichkeit und das Anwaltsprivileg wahrt“ („will need to make sure that their use of it protects confidentiality and legal privilege“), und „für die Ergebnisse der KI, die Sie nutzen, bleiben Sie verantwortlich“ („you will remain responsible and accountable for the outputs from AI you are using“).
- Europa (CCBE Guide on the use of generative AI by lawyers, 2. Oktober 2025). Der Rat der europäischen Anwaltschaften (CCBE), in dem auch die deutsche Anwaltschaft vertreten ist, empfiehlt, „keine personenbezogenen, vertraulichen oder sonstigen mandantenbezogenen Daten“ in ein Werkzeug generativer KI einzugeben, „sofern keine angemessenen Schutzvorkehrungen bestehen“ („should refrain from entering any personal, confidential or other data related to the client … unless there are appropriate safeguards in place“). Das Ergebnis soll der Anwalt prüfen, bevor er es in seiner Arbeit verwendet, soweit der jeweilige Einsatz das erfordert.
Das sind Beispiele, keine vollständige Übersicht. In Ländern des kontinentalen Rechts ist das Berufsgeheimnis oft auch strafrechtlich geschützt und nicht nur berufsrechtlich. In Deutschland gilt § 203 StGB auch für Rechtsanwälte. Wann der Anwalt externen Dienstleistern Zugang zu Mandatsgeheimnissen gewähren darf, regelt § 43e BRAO: unter anderem nur, soweit die Dienstleistung es erfordert, und auf Grundlage eines Vertrags in Textform, der den Dienstleister zur Verschwiegenheit verpflichtet. Ein unbedachtes Hochladen hat deshalb mehr Gewicht als ein bloßer Verstoß gegen eine Standesregel. Prüfen Sie die Regeln und etwaige Hinweise Ihrer Rechtsanwaltskammer oder der BRAK zum KI-Einsatz, bevor Sie sich auf eines der Beispiele oben stützen.
Wie ernst die zweite Pflicht zu nehmen ist, zeigt eine englische Entscheidung. In Ayinde v London Borough of Haringey [2025] EWHC 1383 (Admin) (6. Juni 2025, Rn. 6) stellte der Divisional Court (ein mit zwei Richtern besetzter Spruchkörper des High Court) fest, frei verfügbare Werkzeuge wie ChatGPT seien „nicht in der Lage, verlässliche juristische Recherche zu leisten“ („are not capable of conducting reliable legal research“) und könnten „vorgeblich Passagen aus einer echten Quelle zitieren, die in dieser Quelle nicht vorkommen“ („purport to quote passages from a genuine source that do not appear in that source“). Der Fall betraf die Recherche nach Rechtsprechung und Literatur, nicht die Unterlagen eines Mandanten. Der Fehler, um den es ging, ein überzeugend klingendes Zitat, das in der Quelle nicht steht, droht aber genauso, wenn die Quelle Ihre eigene Akte ist.
Über die Vertraulichkeit entscheiden die Nutzungsbedingungen
Hinter „ChatGPT“ stehen mehrere Produkte. Ein kostenloses privates Konto, ein bezahlter Einzeltarif und ein Vertrag, den eine Organisation mit dem Anbieter schließt, können unterschiedliche Regeln zur Speicherdauer, zum Training von Modellen und zum Zugriff von Mitarbeitern des Anbieters vorsehen. Diese Regeln ändern sich außerdem. Wir fassen hier bewusst die aktuelle Richtlinie keines Anbieters zusammen, denn eine Zusammenfassung von heute kann im nächsten Quartal falsch sein. Lesen Sie die Bedingungen und Einstellungen des Kontos, das Sie tatsächlich nutzen würden, und zwar an dem Tag, an dem Sie es nutzen.
Bevor Unterlagen eines Mandanten in ein KI-Werkzeug gehen, stellen Sie dieselben Fragen wie bei jedem externen Dienstleister, dem Sie Mandantenmaterial anvertrauen:
- Wo werden die Daten verarbeitet und gespeichert, und auf Grundlage welches Auftragsverarbeitungsvertrags (Art. 28 DSGVO)?
- Werden Ihre Inhalte zum Training eines Modells verwendet, und wo steht das schriftlich?
- Wie lange werden sie gespeichert, und können Sie sie löschen?
- Wer in Ihrer Kanzlei oder beim Anbieter kann sie einsehen?
- An welche Unterauftragsverarbeiter gibt der Anbieter sie weiter?
- Verlangen die Mandatsvereinbarung, die Weisungen des Mandanten oder das Berufsrecht vorher die Einwilligung des Mandanten?
Lautet die ehrliche Antwort auf eine dieser Fragen „Ich weiß es nicht“, ist zuerst die Frage der Vertraulichkeit zu klären, bevor es überhaupt um die Wahl des Werkzeugs geht. Wie Ihre Kanzlei sie klärt, entscheiden die Personen, die dort für Compliance zuständig sind, und wo nötig der Mandant.
Das zweite Problem: eine Antwort, die sich nicht zurückverfolgen lässt
Angenommen, die Bedingungen sind akzeptabel. Ein allgemeiner KI-Assistent kann Ihnen trotzdem eine Antwort liefern, auf die Sie sich in der mündlichen Verhandlung nicht stützen können, und das liegt an seiner Bauart. Er antwortet aus dem Inhalt des Gesprächs und aus dem, was er im Training gelernt hat, und er muss Ihnen nicht zeigen, von welcher Seite ein Satz stammt. Bei einer Akte von dreißig Seiten ist das beherrschbar, weil Sie beim Lesen prüfen können. Bei mehreren tausend Seiten Anlagen, die zudem in Teilen hochgeladen wurden, wird die Prüfung zur eigentlichen Arbeit.
Erfundenes Beispiel, kein echtes Mandat: Sie fragen, wann die Beklagte erstmals von dem Mangel wusste. Die Antwort lautet: „Im März 2022, als der Bauleiter dem Projektleiter eine E-Mail schrieb.“ Das liest sich gut. Nur hat der Bauleiter in diesem Monat vier E-Mails geschrieben, ein Anhang ist ein Scan, und die Antwort nennt keine davon. Bevor dieses Datum in einen Schriftsatz kommt, muss jemand die E-Mail finden, den Wortlaut prüfen und sicherstellen, dass kein früheres Dokument etwas anderes sagt. Hat das Modell ein Zitat umformuliert oder aus zwei Dokumenten zusammengesetzt, merken Sie das erst, wenn Sie beide gelesen haben.
Genau das bedeutet Verantwortung für das Ergebnis in der Praxis, unter welchem Berufsrecht Sie auch arbeiten. Eine KI-Antwort ist nur so weit verwendbar, wie sich jeder Tatsachensatz auf ein Dokument und eine Seite zurückführen lässt. Wie Sie das vor der Einreichung prüfen, beschreiben wir in KI-Text im Schriftsatz: 5 Punkte, die Sie vorher prüfen.
Was ein Werkzeug für die Aktenanalyse leisten muss
| Anforderung | Warum das wichtig ist |
|---|---|
| Jeder Tatsachensatz nennt Dokument und Seite | Sie prüfen ihn mit einem Klick statt mit einer Suche |
| Zitate werden mit dem Text der Quelle abgeglichen | Ein erfundenes Zitat wird erkannt, bevor Sie es sehen |
| Eine fehlgeschlagene Prüfung wird gemeldet und nicht still repariert | Sie wissen, welche Sätze keine Grundlage in der Akte haben |
| Die Datei bleibt nach dem Import unverändert | Die Seite, die Sie zitieren, ist die Seite, die auch die Gegenseite sieht |
| Regeln zu Training und Speicherdauer liegen schriftlich vor | Ihre Prüfung der Vertraulichkeit stützt sich auf ein konkretes Dokument |
Fairerweise sei gesagt: Für eine Handvoll Dokumente und eine einzelne Frage oder für Formulierungshilfe, die keine bestimmte Akte betrifft, ist ein allgemeiner Assistent oft das schnellere Werkzeug, sofern die Vertraulichkeit geklärt ist. Nichts in diesem Beitrag spricht dagegen.
Antworten mit Beleg in der Akte
Legalnaut wurde für das zweite Problem gebaut. Jede Antwort und jeder Entwurf nennt Dokument, Seite und Zitat, auf die sie sich stützen, und jede Fundstelle wird gegen die Akte geprüft, bevor Sie sie lesen: Das Dokument existiert, die Seite existiert, die zitierten Worte stehen wirklich dort. Was die Prüfung nicht besteht, wird Ihnen als Fehler gemeldet. Jede importierte Datei erhält eine SHA-256-Prüfsumme, sodass sich die Seite, die Sie zitieren, nicht unbemerkt ändern kann. Ihr Material wird nie zum Training eines Modells verwendet: Legalnaut trainiert nicht mit Kundendaten, und die Sprachmodelle, die es nutzt, laufen unter Verträgen, die das Training mit Ihrem Material ausschließen. Der Betreiber A2Z WEB verfügt über einen SOC-2-Type-II-Bericht. Auf der Seite zur Sicherheit steht, wo die Daten liegen und welche Unterauftragsverarbeiter mit ihnen arbeiten, sodass Sie die sechs Fragen oben selbst daran prüfen können. Einen Vergleich, auch mit den Fällen, in denen ein allgemeiner Assistent die bessere Wahl ist, finden Sie auf der Vergleichsseite zu ChatGPT und anderen allgemeinen KI-Assistenten.
Dieser Beitrag enthält allgemeine Informationen zu Berufspflichten und ist keine Rechtsberatung zu Ihrem Mandat oder zu den Regeln Ihrer Kammer.
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